Kritisch hinterfragt: Wandelbares HR?

Wir haben Daniela Merz-Höfler, MSc. und Mag. Sonja Hirmann, MBA zum Interview gebeten. Was sagen die HR-Expertinnen zum Status quo?

Daniela Merz-Höfler, MSc.
Seit fast 20 Jahren schlägt ihr Herz für HR. Zuerst im Human Capital Consulting aus der Beraterperspektive, danach in leitenden HR-Funktionen auf Unternehmensseite. 2020 gründete sie excellence-works, um an der Schnittstelle von Haltung, Struktur und Führung die größte Wirkung zu erzielen. Heute unterstützt sie Unternehmen im DACH-Raum dabei, HR-Strukturen aufzubauen, Führung zukunftsfähig zu entwickeln und Potenziale sichtbar zu machen.

Vortragende an der TÜV AUSTRIA Akademie bei
Performance Recruiting
Führungswissen kompakt

Mag. Sonja Hirmann, MBA
Die renommierte HR-Expertin mit langjähriger Erfahrung in der Versicherungsbrache und Industrie ist mit dem operativen HR-Geschäft wie mit strategischen Anforderungen bestens vertraut. Dazu zählt unter anderem die Verantwortung von Reorganisations- und Restrukturierungsprozessen. Heute unterstützt Sie mit Ihrem Unternehmen PUNKTGENAU Human Resources Führungskräfte und HR-Verantwortliche verschiedenster Branchen.

Vortragende an der TÜV AUSTRIA Akademie bei
TÜV AUSTRIA Symposium CSR & Nachhaltigkeit
HR in Veränderungs- und Umbauphasen

TÜV AUSTRIA Akademie: Welchen Herausforderungen stehen HR-Verantwortliche aktuell tatsächlich gegenüber?

Daniela Merz-Höfler: Aus meiner Sicht ist es nicht ein einzelnes Problem, das uns belastet, es ist die Gleichzeitigkeit aller Herausforderungen. Neue Rechtsvorgaben, Recruiting-Druck, Führungskräfte auf der Suche nach Orientierung und dazu KI, die gefühlt alles verändert. HR fehlt schlicht der Raum, all das strategisch zu sortieren. Ausgerechnet die Funktion, die für die Menschen im Unternehmen da sein sollte, kommt kaum noch dazu, genau das zu tun.

Sonja Hirmann: HR-Verantwortliche müssen heute mehrere, teilweise widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig bewältigen.

Unternehmen müssen Kosten kontrollieren, Strukturen und Prozesse anpassen und produktiver werden. Gleichzeitig erwarten Mitarbeitende Orientierung, verlässliche Führung, Entwicklungsmöglichkeiten und einen professionellen Umgang mit Veränderung. HR befindet sich genau in diesem Spannungsfeld.

TÜV AUSTRIA Akademie: Größere Unternehmen haben eine eigene HR-Abteilung. In KMU werden oftmals Office Manager beauftragt, HR-Agenden zu verantworten. Welche Empfehlungen für die Praxis geben Sie diesen aktuell angesichts der zunehmenden Komplexität der Themen mit auf den Weg?

Daniela Merz-Höfler: Mein ehrlichster Rat ist, aufzuhören, so zu tun, als ob. Eine Person, die nebenbei HR verantwortet, kann nicht alles wissen, und das ist auch völlig in Ordnung. Was wirklich hilft, ist zu klären, was man selbst abdecken kann, wo externe Unterstützung sinnvoll ist und wo eine pragmatische Lösung reicht. Wer das für sich beantwortet, hört auf, hinterherzulaufen. Und erst dann macht es auch Sinn, zu überlegen, in welchem HR-Bereich man tiefer einsteigen und sich gezielt weiterbilden möchte.

Sonja Hirmann: Personen im Office Management übernehmen in KMU häufig Personaladministration, Recruiting, arbeitsrechtliche Fragestellungen, interne Kommunikation sowie Themen der Aus- und Weiterbildung. Hut ab davor, dies neben zahlreichen weiteren Aufgaben zu managen.

Umso wichtiger ist eine klare Abgrenzung: Welche Aufgaben können intern zuverlässig erledigt werden? Wann braucht es externe Fachkompetenz? Und welche Entscheidungen müssen bei der Geschäftsführung bleiben?

Professionelle HR-Arbeit bedeutet nicht, jede Frage sofort selbst beantworten zu können. Entscheidend ist, Risiken zu erkennen, rechtzeitig Unterstützung einzuholen und Entscheidungen gegenüber der Geschäftsführung und anderen intern Beteiligten gut vorzubereiten.

TÜV AUSTRIA Akademie: Neue Rechtsvorgaben wie die EU-Entgelttransparenzrichtlinie, aktuelle Trends wie KI und Nachhaltigkeit und dazu noch die „Dauerbrenner“ Recruiting und Employer Branding führen zu der Frage: Wie wandelt sich Ihrer Einschätzung nach HR in den nächsten Jahren?

Daniela Merz-Höfler: HR wird entweder endlich zur Gestaltungsfunktion oder bleibt Verwaltungsfunktion. Wer zum Beispiel die Entgelttransparenzrichtlinie als reine Compliance-Aufgabe liest, verwaltet. Wer darin eine Chance sieht, Vergütung endlich ehrlich zu machen, gestaltet. Ich glaube, diese Unterscheidung wird in den nächsten Jahren darüber entscheiden, welchen Stellenwert HR im Unternehmen wirklich hat. Und das ist eine Entscheidung, die HR selbst treffen muss.

Sonja Hirmann: HR wird künftig weniger als reine Service- und Verwaltungsfunktion bestehen können. HR wird datenorientierter, transparenter und stärker in unternehmerische Entscheidungen eingebunden werden. Gefragt ist eine Verbindung aus arbeitsrechtlicher Sicherheit, belastbaren HR-Prozessen, Organisationsverständnis und Beratungskompetenz. HR muss nicht jedes Thema selbst übernehmen, aber die richtigen Fragen stellen, Risiken frühzeitig erkennen und Veränderungen professionell begleiten können.

Künstliche Intelligenz wird administrative und vorbereitende Tätigkeiten verändern. Sie kann Prozesse beschleunigen, Informationen strukturieren und Entscheidungen unterstützen. Die Verantwortung für die Qualität und den verantwortungsvollen Einsatz bleibt jedoch bei den Menschen. KI ersetzt weder Führung noch persönliche Kommunikation oder eine gelebte Unternehmenskultur. Die Führungsverantwortung bleibt bei der jeweiligen Führungskraft.

Auch Nachhaltigkeit sowie Diversity & Inclusion werden stärker mit Personalstrategie, Führung und Organisationsentwicklung verbunden werden. Entscheidend ist, diese Themen nicht isoliert oder lediglich als Berichtspflicht zu behandeln. Sie müssen sich in konkreten Entscheidungen, Strukturen und im täglichen Führungsverhalten wiederfinden.

Recruiting und Employer Branding bleiben wichtig. Unternehmen werden jedoch noch stärker daran gemessen werden, ob das, was sie nach außen versprechen, intern tatsächlich erlebt wird. Eine glaubwürdige Arbeitgebermarke entsteht vor allem durch gute Führung, klare Rahmenbedingungen und einen professionellen Umgang mit Mitarbeitenden. Das ist aus meiner Sicht die beste Referenz.

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