„Versuche nicht, Chef zu spielen“ – ein Interview mit Mag. Erich Cibulka

Erstellt von TÜV AUSTRIA Akademie |

Führung braucht heute weniger Inszenierung und mehr Orientierung. Wirtschaftspsychologe und Brigadier Erich Cibulka erklärt, warum Vertrauen, Verantwortung und ein klarer Kompass in unsicheren Zeiten den Unterschied machen.

Erich Cibulka kennt Führung aus Perspektiven, die selten in einer Person zusammenkommen: Wirtschaft, Militär und Politik. Seit 2007 arbeitet der Wirtschaftspsychologe als Unternehmensberater, Speaker und Autor. Zuvor war er unter anderem Personaldirektor großer Unternehmen, Funktionär der Wirtschaftskammer Österreich und langjähriger Verhandlungsführer bei Kollektivvertragsverhandlungen. Als Offizier trägt er den Rang eines Brigadiers. 

Seine Erfahrung bringt Cibulka auch als Referent in die TÜV AUSTRIA Akademie ein. Dort leitet er Kurse im Bereich Führung, darunter „Führungsstrategien aus Wirtschaft, Politik und Militär“ und „Die KPI wirkungsvoller Führung“. Im Interview spricht er darüber, was gute Führung heute auszeichnet, warum formale Autorität allein nicht trägt und weshalb ein klarer Kompass wichtiger wird, wenn vertraute Landkarten nicht mehr stimmen. 

Leader oder Führungskraft: Woran glauben Sie? Gibt es in der Tat einen Unterschied?
Ich halte wenig von der künstlichen Trennung zwischen Management und Leadership – und ebenso wenig davon, „Leader“ und „Führungskraft“ gegeneinander auszuspielen. Führung ist eine Aufgabe. Wer Verantwortung für Menschen und Organisationen übernimmt, muss das Richtige tun und es richtig tun.

Natürlich braucht es unterschiedliche Fähigkeiten: Ziele setzen, organisieren und entscheiden ebenso wie Orientierung geben, Menschen gewinnen und Vertrauen schaffen. Gute Führung verbindet beides. Ein großartiger Visionär, der seine Organisation nicht ins Handeln bringt, ist ebenso wenig erfolgreich wie ein perfekter Manager, der effizient in die falsche Richtung marschiert. Für mich ist deshalb nicht entscheidend, wie wir die Person nennen. Entscheidend ist, ob sie Wirkung erzielt.

Ist Führungsarbeit 2026 noch dieselbe wie vor fünf Jahren? Welche Entwicklung ist in nächster Zukunft zu erwarten?
Die Grundaufgabe von Führung hat sich nicht verändert: Menschen müssen gemeinsam Ziele erreichen. Verändert haben sich jedoch die Bedingungen, unter denen das geschieht.

Unsicherheit, technologische Beschleunigung, künstliche Intelligenz, geopolitische Verwerfungen und gesellschaftlicher Wandel erhöhen die Komplexität. Gleichzeitig akzeptieren Menschen Autorität immer weniger allein aufgrund einer Position.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die historisch schon lange zu beobachten ist: Führung wandert von äußerem Zwang zu innerer Verpflichtung. Macht und Regeln verlieren als alleinige Führungsinstrumente an Wirkung. Kooperation, Sinn, Eigenverantwortung und Vertrauen gewinnen an Bedeutung.

Das bedeutet aber keineswegs weniger Führung. Im Gegenteil: Je größer die Freiheit, desto wichtiger werden Orientierung und Verantwortung.

Die Welt ist „BANI“, heißt es. Macht sich dies in der Führung bemerkbar?
Sehr deutlich. BANI beschreibt eine Welt als brüchig, angstbesetzt, nichtlinear und schwer verständlich. Gerade in einer solchen Umgebung können Führungskräfte ihren Mitarbeitern nicht mehr für jede Situation eine fertige Antwort geben.

Deshalb verändert sich ihre Aufgabe. Gute Führung muss einen verlässlichen Rahmen schaffen, innerhalb dessen Menschen selbstständig entscheiden können. Dazu braucht es ein gemeinsames Verständnis von Zielen, Werten und Verantwortung.

Ich verwende dafür gerne das Bild des Kompasses: Wenn die Landkarte nicht mehr stimmt, wird der Kompass umso wichtiger. Führung kann Unsicherheit nicht beseitigen. Aber sie kann Orientierung geben, damit Menschen auch unter Unsicherheit handlungsfähig bleiben.

Was zeichnet eine gute Führung heutzutage aus?
Genau diese Frage haben wir in unserer Philadelphia Leadership Studie untersucht. Das Ergebnis finde ich bemerkenswert: Besonders positiv bewertet werden Führung durch Purpose, Drive, Integrity und Imagination – also Orientierung und Sinn, Tatkraft, Integrität sowie die Fähigkeit, Neues zu denken.

Deutlich negativ bewertet werden dagegen Führung durch Power und Rules: Dominanz, Kontrolle und starre Regelorientierung.

Das bedeutet nicht, dass eine Führungskraft keine Macht ausüben oder Regeln beachten darf. Aber beides ersetzt keine Führung.

Gute Führung gibt Richtung, setzt Energie frei, schafft Vertrauen und ermöglicht Eigenverantwortung. Oder noch kürzer: Menschen müssen wissen, wohin es geht, warum es sich lohnt und welchen Beitrag sie selbst leisten können.

Angenommen, ein:e Freund:in aus Ihrem engsten Umkreis übernimmt mit bisher keinerlei Führungserfahrung die Leitung eines Teams. Was raten Sie dieser Person?
Ich würde zunächst sagen: Versuche nicht, Chef zu spielen. Eine Führungsposition verleiht formale Autorität. Persönliche Autorität muss man sich erst erwerben. Deshalb würde ich dieser Person raten, zunächst zuzuhören und zu verstehen: Wer sind die Menschen in meinem Team? Was können sie? Was brauchen sie? Und vor allem: Was ist unsere gemeinsame Aufgabe?

Dann würde ich drei Dinge empfehlen: Gib Orientierung. Übernimm Verantwortung. Und schenke Vertrauen. Man muss als neue Führungskraft nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Man sollte aber bereit sein, Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen einzustehen. Gleichzeitig muss man anderen zutrauen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Und natürlich würde ich die Lektüre meines neuen Buches „Der neue Management-Kompass moderner Führung. Wie Kultur, Strategie und Leadership über den Erfolg von Unternehmen entscheiden.“ empfehlen – oder die Teilnahme an einem meiner TÜV-Akademie-Seminare.

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