Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg sind keine Gegensätze
Dr. Dipl.-Ing. Florian Handle und Mag. Dr. Christian Kozina-Voit sprechen im Interview darüber, ob ESG ein Luxusthema ist und warum die Investition in Nachhaltigkeit ökonomisch Sinn macht.

Dr. Dipl.-Ing. Florian Handle, Geschäftsführer der handle medical GmbH, ist promovierter technischer Chemiker mit langjähriger Erfahrung im Bereich Forschung, Marketing und Produktmanagement. Heute ist er als Berater für nachhaltige Prozess- und Produktionsentwicklung tätig und handelt mit Medizinprodukten, Laborausstattung, PSA und Sicherheitsbekleidung.
Vortragsthemen an der TÜV AUSTRIA Akademie:
Ausbildung zertifizierte:r CSR & Nachhaltigkeitsmanager:in TÜV®
Ausbildung zertifizierte:r Kunststoffgranulat Beauftragte:r TÜV®
Schulung Kunststoffgranulat

Mag. Dr. Christian Kozina-Voit studierte Umweltsystemwissenschaften. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema „Nachhaltige Klimaneutralität im Dienstleistungssektor“, was ihn zur Frage des nachhaltigen Wirtschaftens führte. Seit 2018 ist er wissenschaftlicher Leiter und Mitbegründer des Instituts für Nachhaltiges Wirtschaften in Graz. Darüber hinaus ist er seit 2012 als Lehrender an der Universität Graz tätig.
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Ausbildung zertifizierte:r interne:r CSR & Nachhaltigkeitsauditor:in TÜV®
Grundlagen sozialer Nachhaltigkeit: Das “S” in ESG
Wir haben beide zum Interview gebeten.
„Nachhaltigkeit ist tot. Es lebe die Nachhaltigkeit.“ Mit der ersten Omnibus -Verordnung prangte dieses Statement beinahe täglich in den sozialen Medien. Was stimmt aus Ihrer Sicht? Wie schätzen Sie die aktuelle ESG-Lage am österreichischen Markt ein?
Florian Handle: Nachhaltigkeit ist und bleibt ein Gebot der Stunde. Regulatorischer Druck sollte eigentlich nur der letzte Anstoß sein, um in diese Richtung zu gehen. Wir sehen gegenwärtig bspw., wie sehr die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen Probleme bereitet – und da ist Energie ja nur die „lauteste“/bekannteste Perspektive.
Christian Kozina-Voit: In den letzten Jahren haben sich die Unternehmen vor allem darauf konzentriert, die EU-Vorgaben zu erfüllen. Das ändert sich gerade. Derzeit wollen die Betriebe zunehmend wissen, in welchen Bereichen tatsächlich ökologischer oder sozialer Impact entsteht – um dann auch effektive Maßnahmen setzen zu können.
Der Markt scheint aktuell neue Spielregeln zu suchen: Rohstoffknappheit, Lieferengpässe und zunehmende finanzielle Belastungen fordern Betriebe. Hat hier ein aufwändiges Thema wie ESG in den Betrieben derzeit Platz oder sprechen wir hier in Wahrheit von einem Luxusthema?
Florian Handle: Naja – ein bisschen ist das ein Henne-Ei Problem. Die ESG-Regelwerke sind ja nur ein regulatorisches Mäntelchen für sinnvolle, strategische Verschiebungen in den Märkten. Zukunft heißt, mit knappen Rohstoffen und Energie besser zu wirtschaften. Mit weniger mehr erreichen.
Das ist am Ende des Tages für jedes Unternehmen jederzeit sinnvoll. Insbesondere Governance ist bei allen großen ökonomischen Krisen immer, wenn nicht gar auslösend, zumindest stark beteiligt gewesen.
Christian Kozina-Voit: Langfristiger wirtschaftlicher Erfolg ist ohne die Berücksichtigung von ESG nicht mehr vorstellbar. Dafür sind die ökologischen und sozialen Herausforderungen zu groß.
Wie startet man effektiv in die betriebliche Nachhaltigkeit? Welche Schritte empfehlen Sie, wenn Zeit und Geld knapp sind?
Florian Handle: Am besten startet man mit der Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit im Betrieb notwendig ist. Danach gibt es geförderte Erstberatungen, wo man neben der Gap-Analyse auch einen Maßnahmenplan entwickeln kann, wie die nächsten Schritte aussehen können. Oft findet man Dinge, „low-hanging fruits“, die schnell und unkompliziert umgesetzt werden können.
Christian Kozina-Voit: Nachhaltigkeit darf kein Nebenschauplatz sein. Am einfachsten ist es, die ökologischen und sozialen Wirkungen ganz automatisch bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen. Dann ist der Zusatzaufwand klein und die Wirkung groß.
„Wer schreibt, der bleibt.“ Wie sehen Sie die Auflockerung der Nachhaltigkeitsberichtspflichten?
Florian Handle: Grundsätzlich lebensnah und positiv. Die Berichterstattung sollte ein Denkanstoß sein und aufzeigen, was noch getan werden kann – nicht ein Damokles-Schwert über den Köpfen der Unternehmen. Nachhaltigkeit macht ökonomisch Sinn und ist letztendlich ein Vorteil – wenn vielleicht auch der Weg dorthin manchmal eine Investition bedeuten kann.
Christian Kozina-Voit: Zum Teil waren die bürokratischen Anforderungen an die Unternehmen zu hoch. Jetzt wurde aber wahrscheinlich wieder zu viel gelockert. In Zukunft gilt es, einen Mittelweg zu finden – mit wissenschaftlich fundierten, aber gleichzeitig auch einfach anwendbaren Vorgaben.
Ihr Ausblick in die ESG-Zukunft: Wo stehen österreichische Betriebe in 3 und in 10 Jahren?
Florian Handle: Da bin ich recht zuversichtlich – österreichische Unternehmen sind tendenziell im internationalen Vergleich kleine und sehr oft eigentümergeführte Unternehmen. Kurze Entscheidungswege und schnelle Adaption sind die Kernvorteile dieser Strukturen. Das ist eine unserer großen Stärken.
Christian Kozina-Voit: In drei Jahren werden die letzten Unternehmen erkannt haben, wie wichtig das Thema ESG auch aus ökonomischer Sicht ist. In zehn Jahren wird es selbstverständlich sein, von Jahr zu Jahr nach ökologischen und sozialen Verbesserungen zu streben.
Warum, wozu und wie engagieren Sie sich für das Thema?
Florian Handle: Weil es Sinn macht. Als Techniker, Unternehmer und Vater habe ich eine Verantwortung der nächsten Generation gegenüber. Nachhaltigkeit und Wirtschaft sind keine Gegensätze, sondern sich unterstützende Elemente. Historische Beispiele (FCKW, Braunkohle Verbrennung, Anti-Klopfmittel) zeigen klar, dass Adaption und die Suche nach neuen Lösungen Technologiesprünge möglich machen und so Umwelt, Sicherheit und Ökonomie zusammenkommen.
Christian Kozina-Voit: Ich möchte, dass auch zukünftige Generationen einen lebenswerten Planeten vorfinden. Die Wirtschaft spielt dabei die Schlüsselrolle: Nur, wenn Unternehmen ihre ökologischen und sozialen Auswirkungen in den Griff bekommen, ist eine lebenswerte Zukunft möglich.

