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Die Maschine Mensch

Große Macht bringt große Verantwortung. Das wusste schon Stan Lee und das wusste auch Isaac Asimov, der mit seinen Robotergesetzen bereits 1942 eine einzigartige Vorlage zur Mensch-Roboter-Kollaboration schuf: Der Roboter darf dem Menschen nicht schaden. Können wir sicher sein, dass dieses Gesetz in der Industrie 4.0 eingehalten wird?

TÜV AUSTRIA AKADEMIERoboter werden heute schon in Industrie, in der Medizin und im Service eingesetzt. Aber sie werden bald noch mehr Aufgaben bekommen und sie werden vor allem eines immer häufiger: mit dem Menschen zusammenarbeiten. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird dünner: Sie arbeiten im Idealfall zur selben Zeit am selben Arbeitsplatz am selben Objekt. Ziel muss es sein, diese Kollaboration abzusichern und eine zukünftige Zusammenarbeit gesetzlich so zu gestalten, dass Mitarbeiter/in und Roboter sicher zusammenarbeiten können.


Am Symposium für Anlagensicherheit war aber nicht nur die physische Zusammenarbeit von Maschine und Mensch wichtig. Die psychische Auseinandersetzung mit einer immer noch Misstrauen erweckenden künstlichen Intelligenz stand ebenso auf dem Programm. Ist der Mensch ein Auslaufmodell? Hat uns die Technik schon längst überholt und die Digitalisierung dem Cyber-Crime Tür und Tor geöffnet? Oder ergeben sich gerade aus dieser Digitalisierung auch die besten Chancen für Mensch und Anlage?

Durch die Verbindung von technischen und informationstechnischen Komponenten entstehen Anlagen, welche sowohl in Bezug auf die Funktionale Sicherheit, als auch auf die Informationssicherheit, sicher gemacht werden müssen. Klares Ziel der heutigen Anlagensicherheit ist somit das optimale Zusammenspiel von Safety und Security in der Prozessindustrie.


Wer viel misst, misst Mist?

Alles ist messbar: Die Füllstände einer Tankstelle genauso wie Ihre Einkäufe vom letzten Samstag bei einer Supermarktkette. Die Frage ist nur: Wer braucht diese Datenflut? Unternehmen gehen immer mehr weg von Big Data (der Masse an Daten, die sie von Mensch und Anlage erhalten) und hin zu Smart Data, dem destillierten Wissen zu Themen, die sie wirklich interessieren. Zwei Vortragende am TÜV Austria Anlagensymposium beschäftigten sich mit dem Thema: Ing. Stefan Pichl, MBA erzählte über die digitale Betriebsführung bei Salzburg AG und DI Hermann Katz sprach über das Parsimonitätsprinzip: die Datenmenge ist nicht wichtig, die Qualität ist es. Beide Referenten waren sich einig: Daten sind nützlich, um Prozesse zu verbessern. Sie können nicht nur die Effizienz steigern, Know-how sichern und Instandhaltungskosten reduzieren. Sie können auch in die Zukunft sehen und beispielsweise über die Lebensdauer von Anlagen Auskunft geben. Somit kann das Wissen aus Daten ein Differenzierungsmerkmal am Markt sein. 


Mensch, vermessen

Alles ist messbar. Aber darf alles gemessen, bzw. verarbeitet werden? Nein, sagt die neue Datenschutzgrundverordnung, die im Mai 2018 erschien und schon im Vorfeld für Furore sorgte. Ziel der DSGVO ist es, den Mensch und die Information über ihn zu schützen, sagte Mag. Sabine Gölles, MA in ihrem Vortrag. Personenbezogene Daten zu erheben, ist verboten, außer, es besteht ein berechtigtes Interesse oder eine explizite Rechtsgrundlage (z.B.: eine Einwilligung). Die meisten Regeln der DSGVO existierten vorher schon, aber der Strafrahmen ist seit Mai um ein Vielfaches höher: Im schlimmsten Fall wird für die Nichteinhaltung des Datenschutzes 20 Millionen Euro berechnet. Aber nicht nur der Strafrahmen ist gestiegen, auch das öffentliche Interesse an dem Thema. Darin liegt die Chance für Unternehmen: Wenn sich Kunden sicher und geschützt fühlen, ist die Vertrauensbindung ein Wettbewerbsvorteil.


Open house?

Das öffentliche Interesse macht Menschen nachdenklich. Wie gläsern bin ich? Was passiert mit meinen Daten in der Cloud? Und wie kann ich mich vor Phishing schützen? Auch Unternehmen sehen sich mit solchen Gedanken konfrontiert, wobei viele noch der Truthahn-Illusion unterliegen: Wenn mich der Bauer bislang immer gefüttert hat, warum sollte er zu Thanksgiving plötzlich mit dem Messer kommen? Anders gesagt: Wenn es bis jetzt gut gegangen ist, warum sollte mein Unternehmen einer Cyber-Attacke zum Opfer fallen? Dabei ist es keine Frage, ob Sie angegriffen werden, sondern wann. Und ob Sie diese Attacke überhaupt bemerken, bevor es zu spät ist. Ing. Sabrina Steger, MSc, berichtete in ihrem Vortrag über mögliche Angriffsvektoren und sorgte beim Publikum beinahe für Schnappatmung: Moderne Angriffe finden über Fernwartungszugänge statt, über den Router, über Zulieferer mit Schwachstellen in deren Systemen. Die Hacker kommen über USB-Sticks, sie kommen wireless, sie kommen über die Cloud, sie kommen über die Office-IT. Der Faktor Mensch ist auch hier eine Herausforderung: Wir verhalten uns oft so, wie es uns die Technik empfiehlt. Wir klicken auf ein Phishing-Mail, weil ein vermeintliches Systemupdate durchgeführt werden muss. Die Folgen sind Imageschäden, Schäden an der Anlage, aber auch die Gefährdung der Arbeitssicherheit.


Wie schnell eine Cyber-Attacke passieren kann, demonstrierte am Anlagensymposium der Hacking-Europameister Aron Molnar, der sich vor dem faszinierten Publikum in die Systeme einer Tankstelle einloggte und so die Füllstände ablesen konnte. Wer es schafft, diese zu manipulieren, könnte die Tankstelle auch lahmlegen. Damit demonstrierte der Referent, wie wichtig es ist, die eigenen Systeme nach außen abzuhärten. DI Karl Findenig stimmte dem zu und führte weiter aus: Unternehmen sollten sich überlegen, wer auf das Steuersystem zugreifen muss und wer es nicht darf. System-Updates und etwaige bauliche Maßnahmen gegen Abhörung sind weitere Maßnahmen, die IT-Security in der funktionalen Sicherheit zu erhöhen.


Keine Angst vor Veränderung

Das alles verunsichert die Mitarbeiter/innen: Wer sagt dem Greifarm, mit dem ich arbeite, dass er einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten soll? Mitarbeiter/innen stehen Assistenzsystemen oft kritisch gegenüber. Das müssen sie aber nicht: Die Digitalisierung soll Menschen entlasten, gerade in einer Zeit, in der Posten immer weniger nachbesetzt werden und Menschen immer mehr und unterschiedliche Aufgaben erfüllen müssen. Aber: Gekonntes Change Management ist wichtig, wenn es darum geht, den Mensch zur Maschine oder zur Digitalisierung zu bringen. Die Überzeugung der Mitarbeiter/innen ist der Schlüssel zum Erfolg, denn sie müssen die Veränderung zulassen und den Nutzen erkennen. Auch die Politik ist gefragt: Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen, um Nutzen und Ethik zu vereinen. Sie muss da sein, um Mensch, Daten und Maschinen gleichermaßen zu schützen.


Der gesetzliche Rahmen

Die Normenlandschaft zu den neuen Herausforderungen in der Industrie 4.0 sind teilweise noch schwammig: In der IEC 61511 Ed.2.0 wird das Security Risk Assessment sehr kurz behandelt und verweist auf andere Normen, so DI Dr. Martin Doktor in seinem Process Safety Medley. Teilweise sind die Normen aber schon recht gut definiert: Das zeigt sich vor allem bei Umbauten an Maschinen. Wenn beispielsweise die Steuerung für eine Roboteranbindung umgebaut wird, stellt sich die Frage, ob daraus eine neue Maschine entsteht oder nicht. DI Georg Trzesniowski unterschied in seinem Vortrag zwischen bestimmungsgemäßer Verwendung und neuer Bestimmung: Wenn eine Maschine so umgebaut wird, dass die bestimmungsgemäße Verwendung laut Hersteller gleichbleibt, muss zwar das ASchG beachtet werden, aber es ist keine neue CE-Kennzeichnung notwendig. Der Umbau der Steuerung für eine Roboteranbindung fällt wahrscheinlich darunter. Wenn an der Maschine jedoch eine solch tiefgreifende Veränderung vorgenommen wird, dass die Bestimmung eine andere wird, dann wird der Betreiber der Maschine zum Hersteller – ein neues CE ist daher notwendig. Beispielsweise gilt das, wenn die Bestimmung einer Maschine von Lastenheben auf das Heben von Personen geändert wurde. 


Der gemeinsame Nenner

Ein Betrieb besteht aus unterschiedlichen Interessen: Der Einkauf zieht in die eine Richtung, die Produktion in die andere. Wenn das Geschäftsziel in der Mitte liegt, dann muss der Winkel zwischen allen Interessensgebieten verringert und dorthin gezogen werden, wo das Geschäftsziel liegt, so DI Dr. Joachim Rajek in seinem Vortrag über die ISO 55001. Asset Management ist geistige Klammer eines Unternehmens, also der Überbau zum Erfolg und meint alles, was Wert für die Organisation und die Stakeholder schafft. Asset Management inkludiert Produktions-Anlagen genauso wie die Mitarbeiter/innen, Verträge genauso wie die Marktposition. Wenn das Asset Management in einem Unternehmen optimiert wird, dann sollten alle an einem Strang ziehen und das gleiche Ziel haben - so können auch tiefe Interessens-Gräben mit Kompromissbereitschaft überwunden werden. 

 

Der unterschiedliche Antrieb und unterschiedliche Ziele zeigen sich auch bei Genehmigungsverfahren, wenn 3 Interessensgruppen aufeinander treffen: Unternehmen, Behörden und Nicht-Amtliche Sachverständige. Rasche Lösungen vs. Unterlagenforderungen, Normenflut vs. sorgsame Prüfung – wohin geht die Kommunikationskultur? In der Podiumsdiskussion wagten Ing. Andreas Schnitzer (Nicht-Amtlicher Sachverständiger), Mag Peter Plöbst (Amt der Steiermärkischen Landesregierung) und DI Torschitz (voestalpine VAE GmbH) einen Verständigungsversuch. Ein Konsens konnte schließlich unter anderem mit dem Appell erreicht werden: Es ist nicht wesentlich, wie viele Unterlagen Sie einreichen, sondern wie wesentlich diese für das Projekt sind. Sind Unterlagen unvollständig, wird von der Behörde nachgefragt, was angesichts des steigenden Zeitdrucks für eine Verschiebung der Deadline sorgen könnte.


Ganz automatisch

Der Mensch muss immer noch denken, auch wenn die Maschine oft lenkt. Wichtig ist dies besonders bei gefährlichen Arbeiten, wie dem Abstellen und der erneuten Inbetriebnahme einer Maschine, beispielsweise bei Wartungsarbeiten. Die Abläufe beim ‚Lockout und Tagout‘ sollten definiert werden, so DI Jürgen Schulik in seinem Vortrag. Betriebsanleitung helfen dabei: je kürzer, knackiger und aktueller, desto mehr ist die Arbeitssicherheit gewährleistet. Dennoch sollte man sich auf die Piktogramme nicht immer verlassen: Ein persönlicher Kontrollblick, wie beim Straßenverkehr, beugt Fehlern vor.

 

Wer Anleitungen schreibt, der sollte auch das einbeziehen, was andere wahrnehmen, vor allem unterbewusst. Michael Kruger beschrieb in seinem Vortrag über die Sozialpsychologie im Risikomanagement, was Menschen antreibt: unterbewusste Handlungen. Die bevorzugt das Gehirn, weil es weniger Energie kostet. Wer weiß, wie das Unterbewusstsein funktioniert, kann das Verhalten von Menschen beeinflussen, so sein Fazit.


So viel steht fest

Trotz steigender Digitalisierung, trotz Robotik und einer teilweise noch recht unangepassten Normenlandschaft, sind es immer noch Menschen, die in Unternehmen arbeiten und diese Unternehmen leiten. Diese Menschen mögen unterschiedliche Ziele und Erwartungen haben, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie wollen „safe“ in die Arbeit kommen und „secure“ wieder nach Hause. 

Wir danken allen Referenten für zwei spannende Tage im Schloss Seggau und freuen uns auf ein Wiedersehen, zum Beispiel beim TÜV AUSTRIA Kraftwerksymposium im September 2019.


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