Belastungen am Arbeitsplatz: Stress lass' nach!

Wie können Arbeitnehmer vor physischen und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz geschützt werden? Das klärte der TÜV AUSTRIA Sicherheitstag Ende Oktober in Vösendorf.

Arbeitnehmer sind sowohl körperlichen als auch psychischen Belastungen ausgesetzt. Wie können die Sicherheit und der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gefördert werden? Dies beantworteten die Experten am TÜV AUSTRIA Sicherheitstag Ende Oktober und nahmen auch die Auswirkungen der Pandemie unter die Lupe.

Belastungsfaktor Stress
Eine aktuelle Studie über Stress am Arbeitsplatz zeigt, dass Männer und Frauen gleichermaßen Burnout-gefährdet sind. Auffallend ist, dass jüngere Personen zwischen 30 und 39 sowie ältere Personen zwischen 50 und 59 häufiger erkranken. Die Symptome sind vielschichtig und reichen je nach Stadium von erhöhter Reizbarkeit über innere Unruhe bis hin zu chronischen Schmerzen und Arbeitsunfähigkeit. Was kann der Arbeitgeber tun? Programme zur Gesundheitsförderung und die Schaffung von Rückzugsmöglichkeiten wirken präventiv. Hinzu kommt jetzt die Covid-bedingte Belastung: Knapp 25 % der Befragten eine Online-Studie gaben Mitte Mai an, durch die Krise psychisch belastet gewesen zu sein. Frauen sind stärker belastet als Männer. Was hilft? Aus der Krise lernen und sie als Chance nutzen. Sei es durch den Einsatz neuer Technologien, Entstigmatisierung des Homeoffice oder Solidarität als Bewältigungsstrategie. Ob langfristige genauso wie kurzfristige Kurzarbeit tendenziell guttut, wird sich zeigen.

Durch die Pandemie sind die Sicherheitsfachkräfte geforderter denn je. Infizierte Mitarbeiter sind Opfer, Wirt und Überträger zugleich, Tests sind lediglich eine Momentaufnahme und im schlimmsten Fall fallen mehrere Mitarbeiter gleichzeitig aus. Das ABC Abwehrzentrum des Österreichischen Bundesheeres bestätigt durch seine Expertise, dass das Übertragungsrisiko außerhalb des Unternehmens oder außerhalb der Kernprozesse im Unternehmen (z. B. Garderobe, Teeküche, Fahrgemeinschaften) am höchsten ist. Besonders wichtig: Klare Handlungsanweisungen schaffen, alle Mitarbeiter schulen, Infizierte nicht stigmatisieren und Schnelltests anwenden! Hygienekonzepte spielen ebenfalls eine tragende Rolle. Dabei sollte jeder Prozess auf die Einhaltung des Mindestabstandes überprüft werden, Schutzausrüstung für Mitarbeiter bereitgestellt und fixe Teams (Containment) gebildet werden. Und: Jemanden zum Pandemiebeauftragten ausbilden lassen. Die TÜV AUSTRIA Akademie bietet Kurse an, die in Kooperation mit dem ABC Abwehrzentrum entwickelt und durchgeführt werden.

Sicherheitsfaktor Bewegung
Sind Lasten von Arbeitnehmern manuell handzuhaben, hat der Arbeitgeber durch geeignete Maßnahmen für eine möglichst geringe Gefährdung des Bewegungs- und Stützapparats zu sorgen. Eine Verordnung hierzu gibt es nicht. Zur Bewertung körperlicher Belastungen stehen den Sicherheitsfachkräften dennoch Methoden zur Verfügung, die jetzt noch umfassender sind. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) hat die Leitmerkmale überarbeitet und in ein Bewertungssystem übergeführt. Arbeitsmittel, Arbeitsorganisation, Arbeitsbedingungen, Haltung und Zeit – diese steht im Mittelpunkt – sind die leitenden Merkmale, die die anzuwendende Methode bestimmen. Was ist neu? Die drei bestehenden Leitmerkmalmethoden (Heben-Halten-Tragen, Ziehen-Schieben, manuelle Prozesse) wurden um drei weitere ergänzt: Köperhaltung, Ganzkörperkräfte und Körperfortbewegung. 

Der Einsatz von sogenannten Exoskeletten kann eine hilfreiche Präventionsmaßnahme sein. Aktive und passive Exoskelette sind Arbeitsmittel und leisten vor allem in der Produktion und Logistik wertvolle Dienste. Sie unterstützen die Hebe- und Tragetätigkeit und eignen sich insbesondere bei monotonen und langanhaltenden Tätigkeiten. Was sind sie nicht? Sie sind weder Ersatz für Hubwagen noch für Krane. Ob ein Exoskelett angeschafft werden soll oder nicht, sollte bereits möglichst früh in die Arbeitsplatzevaluierung miteinfließen. Aspekte wie Fluchtwege, Lagerung, Energieversorgung und Hygiene, Stichworte Schweiß und Covid19, sind zu berücksichtigen. Ein „Chairless Chair“ ist zwar einfach in Funktion und Handhabung, aber auf Fluchtwegen ungeeignet. Was können sie? Sie lassen sich gut in bestehende Arbeitsbedingungen integrieren, verhindern Verschleiß und Ermüdung und unterstützen den Bewegungsapparat punktgenau.

„Schau auf dich, schau auf mich.“
94 % der Ursachen für Arbeitsunfälle basieren auf sicherheitswidrigem Verhalten des Menschen. Wie lässt sich sicherheitsgerechtes Verhalten erzielen? Eigenverantwortung und kollegiale Verantwortung sind gefragt. Beobachtet ein Kollege, dass eine anderer gegen die Sicherheitsvorschriften verstößt, sollte er ihn sofort darauf ansprechen und geeignete Maßnahmen setzen, denn Fehlervermeidung beginnt bereits bei der Fehlermeldung! Wesentlich dabei ist auch die Nachkontrolle, ob sich das Verhalten tatsächlich geändert hat. Der Tipp des Sicherheitsexperten: Vorbildhaftes Verhalten auf höchster Ebene und das Aussprechen von Lob sind Multiplikatoren, wenn es um die Verbesserung von Eigen- und Fremdschutz geht.

Sicherheitsmaßnahme Unterweisung
20% der Arbeitsunfälle entstehen durch Nicht-Wissen, weil ein Mitarbeiter beispielsweise nicht unterwiesen wurde. Unter welchen Voraussetzungen ist persönliche Unterweisung besser bzw. zulässig, unter welchen die elektronische? Elektronische Unterweisungen sind ein ergänzendes Mittel und können die face-to-face Kommunikation nicht ersetzen. Wichtig für beide Formen ist, dass die Inhalte in verständlicher Art und Weise übermittelt werden und Rückfragemöglichkeiten geschaffen werden. Erstunterweisungen sind immer persönlich durchzuführen. Dies gilt auch für Übungen und die Vermittlung von arbeitsplatzbezogenem Wissen. 

Gefährliche Arbeitsstoffe sicher managen
Ob Arbeitsstoffe als gefährlich gelten, ist gesetzlich geregelt. Piktogramme, das Arbeitsstoffverzeichnis und Sicherheitsdatenblätter unterstützen den Arbeitnehmer im betrieblichen Alltag. Dennoch treten in der Praxis Probleme auf, die auf den ersten Blick nicht so schnell gelöst werden können. Was tun, wenn Arbeitsstofflisten unvollständig sind oder der Aussagehalt von Sicherheitsdatenblättern falsch ist? Ein Praxisbericht zeigte verschiedene Lösungsansätze: Chemikalieninspektoren oder die Erstellung einer Gefahrstoffdatenbank helfen bei der Gefahrenbewertung und -vermeidung. Gefahrstoffe managen bedeutet jedenfalls, laufend Aktivitäten zu setzen – von Unterweisungen und Substitution bis hin zur PSA-Kontrolle. Der Experimentalvortrag am Ende der Tagung lieferte in Theorie und Praxis, was beim Umgang mit Gasen zu beachten ist. Sauerstoff ist das am meisten unterschätzte, brennbare Gas!
 

Am Podium
Dr. Paul Scheibenpflug (Sport- und Kommunikationswissenschaftler, Schwerpunkt betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention), Ing. Andreas Oberweger (Leiter Kompetenzzentrum Industrie 4.0 und Robotik, TÜV AUSTRIA), Martin Kojan (Kojan Arbeitssicherheit & Brandschutz), DI Uta Remp-Wassermayr (Hygienetechnikerin, BMAFJ – Arbeitsinspektion), Ing. Hellfried Matzik (Leiter Sicherheitstechnisches Zentrum, TÜV AUSTRIA), Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen (Institutsleiter-Stellvertreter für Sozialästhetik und psychische Gesundheit, Sigmund Freud PrivatUniversität Wien), ObstdG Mag. Jürgen Schlechter (Kommandant ABC Abwehrzentrum, Österreichisches Bundesheer), Ing. Mag. (FH) Markus Wellner (Linde Gas)

Save the date: TÜV AUSTRIA Sicherheitstag | 17.06.2021, Graz; 21.10.2021, Vösendorf

Rückfragehinweis:
Martin Schmutzer, Programmverantwortlicher Arbeitssicherheit, TÜV AUSTRIA Akademie, TÜV AUSTRIA-Platz 1, 2345 Brunn am Gebirge, e: martin.schmutzer@tuv.at, t: +43 (0)5 0454-8192

Bildcredit: @Daniel Mikkelsen
 

 

 

 

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TÜV AUSTRIA-Platz 1
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